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Multiple Sklerose - eine Herausforderung
 

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Wenn das Gehirn plötzlich langsamer wird

So lange der Kopf so funktioniert wie immer, macht man sich keine Gedanken, wie komplex das Zusammenspiel der Nervenzellen selbst bei den kleinsten alltäglichen Handlungen ist. Erst wenn Störungen auftauchen, wird einem bewusst, dass dieses Wunder an Funktionstüchtigkeit keineswegs selbstverständlich ist. Nach meinem zweiten MS-Schub fielen mir zuerst Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen auf. Bereits ein Gespräch zu Dritt war mir zu viel - auf einen Menschen konnte ich mich konzentrieren. In der Klinik zeigte ich mich deshalb auch nur zum Essen bei den Mitpatienten. Abends zog ich mich in mein Zimmer zurück und lag auch tagsüber dort viel auf dem Bett oder saß auf dem Balkon.

Beim Gehen konnte ich ohne Schwankungen laufen, solange ich mich darauf konzentrierte. Wenn jemand neben mir ging und ich ins Gespräch vertieft war, machte ich immer wieder unwillkürliche Schritte nach rechts oder links, um mich abzufangen. Das hat drei Monate angehalten - als ich mich kürzlich mit einem früheren Geschäftskollegen zum Essen verabredete, sagte ich ihm gleich, dass es an meinen Gleichgewichtsstörungen liegt, wenn ich ihm auf dem Weg zum Restaurant ab und zu auf die Pelle rücke

Noch in der Klinik fiel mir auf, dass mich beim Abendessen jemand am Buffet angesprochen hat und ich einfach nicht reagiert habe. Dabei hatte ich gehört, dass jemand mit mir gesprochen hat. Auf meinen Wunsch hin testete die Neuropsychologin die Hörverarbeitung und die Reaktionszeit in einem Computertest - und tatsächlich war meine Reaktion verzögert. Später fiel meinen Töchtern zuhause auch auf, dass sie mir etwas sagten und ich nicht antwortete, obwohl ich gehört hatte, was sie gesagt haben...

Am krassesten fand ich aber die plötzliche Überforderung bei Entscheidungen. Am liebsten wollte ich nichts entscheiden. Nichts organisieren. Dabei war Organisieren bisher meine Leidenschaft gewesen und eines meiner Talente. In der Klinik stand ich z.B. mit dem Rollstuhl einer jungen Mitpatientin, mit der ich in den Park gehen wollte, vor dem Aufzug. Es öffneten sich zwei Aufzüge gleichzeitig. Eine andere Patientin, mit der wir uns eben noch unterhalten hatten, betrat den einen Aufzug. Da ich nicht gleich erfassen konnte, ob sie hoch oder runter fahren wollte, schob ich mich und den Rollstuhl einfach in den anderen Aufzug, ohne etwas zu sagen, ohne mich zu verabschieden, ohne zu verstehen, warum ich das jetzt gemacht hatte. Die andere Patientin war sicher verblüfft, warum wir nicht mit ihr gefahren sind. Im Aufzug dachte ich beim Runterfahren: Wir haben alle MS, das muss sie verstehen - willkommen in Freak City!

15.11.11 22:51

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