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Multiple Sklerose - eine Herausforderung
 

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Cortison-Stoßtherapie, die erste

Die Diagnose stand also, im Nervenwasser des Rückenmarkes waren eindeutige Beweise für die MS gefunden worden. Und die sonst für alles verteufelten Borrelien waren diesmal nicht schuld. Im ersten MRT des Kopfes fanden sich sowohl im Gehirn ein bis zwei kleine und im Rückenmark ein großer Entzündungsherd.

Das erklärte die etwas merkwürdigen Symptome - Muskelschwäche auf der linken und Taubheitsgefühle auf der rechten Körperseite. Ehrlich gesagt war ich tatsächlich sogar ganz froh, keine Wahrnehmungsstörungen gehabt zu haben. Es gab eindeutige Beweise und ganz klare anatomische Zuordnungen. Der Herd in der Halswirbelsäule saß so, dass die motorischen Fasern von der einen Körperhälfte und die sensiblen Bahnen von der anderen Körperhälfte betroffen waren. Mittlerweile war auch die rechte Hälfte der Bauchhaut taub und beim Duschen konnte ich am Bein und am Rumpf rechts kalt und warm nicht mehr unterscheiden.

Der Stationsarzt, der mir die Diagnose sofort nach bekannt werden überbrachte, sagte im selben Atemzug: "Zum Glück ist das heute ja alles kein Problem mehr, man kann die MS mittlerweile behandeln. Es gibt gute Medikamente." Hrmpf, wenn der wüsste. Vermutlich wollte er mich trösten. Hätte er in meiner Haut gesteckt, dann hätte er es wohl auch anders gesehen.

Aber ich brach nicht zusammen, dachte auch nicht gleich an ein Leben im Rollstuhl, sondern beschloss, die Herausforderung anzunehmen. Umso entsetzter reagierte mein Umfeld. "Was, du?" "Reichen die Lebensherausforderungen nicht, die dir bisher gestellt wurden. Muss das jetzt auch noch sein?" Ganz sicher sahen alle den Rollstuhl winken, diese Assoziation ist immer die erste, wenn der Name MS fällt. Meine Mutter fragte nur eines: "Warum du?" "Mama, die Frage stellt sich mir nicht." Auch wenn ich gläubig bin, nutze ich meinen Kontakt zu Gott nicht dazu, mir Schicksalsfragen beantworten zu lassen.

Ja, und dann ging es los mit dem Cortison. nachdem ich zuerst auf Verdacht Antibiotika und Virostatika (Medikament gegen Viren) per Infusion bekommen habe, sollte ich nun Cortison bekommen. 5 x 500 mg Decortin H. Im Nachhinein weiß ich, dass das eine eher moderate Dosis ist. Doch nicht für meinen Körper. Die ersten zwei Tage vertrug ich die Infusion ganz gut. Ich wurde zwar immer aufgedrehter, fast euphorisch, und etwas getrieben und konnte nachts nicht mehr schlafen - aber alles in allem ließ sich das gut aushalten. Am dritten Tag wurden die Bauchschmerzen immer stärker (Cortison regt die Magensaftproduktion an), selbst das Magenmittel, das die Magensaftproduktion für 24 Stunden unterbinden sollte, gab nach 5-6 Stunden auf und ich hörte es im Bauch wieder gluckern.

Ich ließ mir Schmerzmittel geben und Wärmekissen für den Magen und hatte am Ende wohl ein Magen- oder Zwöffingerdarm-Geschwür, das ich zuhause selbst mit Protonenpumpenhemmern und Reisdiät über eine Woche kurierte. Im Krankenhaus nahm keiner die Beschwerden wirklich ernst. "Cortison wird in der Regel wunderbar vertragen, manche Patienten würden sogar gerne mehr davon haben, weil sie so hochgestimmt sind." Mag ja sein, ICH aber nicht.

Ich litt die letzten zwei Tage massiv, lagerte Wasser ein, mein Darm regte sich nicht mehr und ich hatte nach der einen Woche Klinik 4-5 kg zugenommen. Erst 5-7 Tage nach Ende der Cortisontherapie hatte ich wieder das Gefühl, ich selbst zu sein: Der Darm kam von selbst wieder in Gang und mein Bauch wurde sichtlich dünner. Und in der ersten Nacht zuhause rannte ich mindestens 5 x auf die Toilette, um Wasser zu lassen. Die 4-5 kg verlor ich glücklicherweise in Nullkommanix wieder.

Die Nächte nach den letzten zwei Infusionen verbrachte ich sitzend im Bett. Durch ein Kloßgefühl im Hals konnte ich mich nicht hinlegen, der Magen und der Bauch drückten nach oben, ich war aufgedreht und hellwach. Die 5. Infusion verweigerte ich. Merkwürdig, dass keiner der Ärzte auf die möglichen Nebenwirkungen von Cortison hingewiesen hat. Das habe ich übrigens auch von anderen Patienten später gehört.

Eine Patientin hat vor Jahren nach der Stoßtherapie zuhause 16 Fenster geputzt und ist danach zusammengebrochen. Mittlerweile kennt sie die Wirkung und ist vorsichtiger. Leider durch leidvolle eigene Erfahrung, nicht durch Aufklärung.

Dennoch, Cortison ist ein sehr potentes Mittel und kann helfen, Symptome im Schub schneller zu beseitigen als wenn man den natürlichen Verlauf abwartet. Bei mir verabschiedete sich wie von Zauberhand die Taubheit im rechten Bein. Die Muskelschwäche links aber blieb .

13.11.11 09:31

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